Familie heißt auch Geheimnisse- so denkt die 15jährige Ginnifer, die durch ein Unglück mit ihrem Bruder nach Arnis zu einer bisher unbekannte Tante Maggie muss. Dort erfährt sie, dass es noch viele unentdeckte Geheimnisse gibt und wird in ein Abenteuer reingezogen mit Hilfe von den 16jährigen David. Liebe, Spaß, Aktion und mehr...
Der Wind wehte durch das offene Fenster hinein. Die Blätter, die vorher auf meinen Tisch zerstreut waren, lagen jetzt auf dem Fußboden. Ich lag auf meinem Bett. Meine Arme hatte ich zur Seite ausgestreckt und die Beine waren angewinkelt. Ich war grad am Einschlafen als ich einen Schrei aus der Küche hörte. Vorsichtig drückte ich die Türklinge runter und lief den langen Flur entlang in die Küche. Brian lag auf dem Boden. Er schützte sein Gesicht mit seiner Hand, doch man sah trotzdem den roten Händeabdruck auf seiner Wange. Mein Vater stand über ihm und hatte seine rechte Hand nach oben in die Höhe ausgestreckt. Die linke Hand umklammerte den Arm von Brian. Es herrschte Stille. Ich hörte sogar die schnellen Atemzüge von uns allen. Die beiden sahen zu mir rüber. Dann öffnete sich die Haustür und Brigitte stürmte rein. Sie zog ihre beigefarbene Jacke aus und ihren bunt verzierten Schal, wobei sie noch was von Mittagessen redete. Sie bemerkte die Stille und sah mich, wie ich mich an den Türrahmen lehnte und ihr zu sah. Sofort stürmte sie in die Küche und schubste mich dabei zur Seite. Sie half Brian wieder aufzustehen, doch er wollte wohl keine Hilfe und riss sich aus dem Griff unserer Mutter. Brigitte schickte uns aus der Küche und verschloss die Tür. Wir standen nun im Flur ahnungslos eine Weile rum, doch dann ging ich in mein Zimmer. Ich hörte mehrere Schreie aus der Küche, und wusste, dass dies der Beginn eines großen Streites war. Ich wollte nicht mehr hier sein, sondern wo ganz anders. Nur alleine mit meinen Gedanken. Ich fühlte mich ziemlich unwohl und hatte den Bedacht, dass Brian das gleiche Gefühl hatte wie ich. Er stand nämlich mit einer Packung Zigaretten vor meinem Zimmer und wollte wissen, ob er rein darf. Ich hatte kein Problem damit und nickte leicht vor mich hin. Er setzte sich sanft neben mich und zündete eine Zigarette an. Der Rauch flog direkt in mein Gesicht und ich hustete eine kurze Zeit lang, aber ich unterbrach ihn nicht, denn ich wusste, dass das Rauchen das einzige war, was ihn wirklich beruhigen konnte. Wir saßen leise dort im Zimmer und hörten dem Streit zu.
,, Er hat mich…geschlagen !``
Mein Bruder sah wütend in den Spiegel, den mein Vater schon seit Wochen aufhängen wollte, die jetzt aber nur gegen die Wand gelehnt war. Ich dagegen starrte nicht den Spiegel an sondern meine Schulbücher, die Stapel weise auf dem Boden standen. Brian merkte schnell, wie sehr ich unter der Schule litt und probierte mich zu beruhigen.
,, Sie ist bald zu Ende und dann sind wir weg von dieser Klapsmühle. Ferien mit Oma und Opa an den Nordsee mit deinen Freunden und meinen natürlich. Ist schon eine geile Sache! Nie wieder diese nervende Eltern, die sich nie einigen können und nicht zugeben, dass es langsam an der Zeit ist, die Scheidung einzureichen.´´
,,Warum?``, fragte ich verzweifelt. Mein Bruder wusste genau. Er wusste auch, dass diese Frage schon seit Tagen im Raum war.
,,Wir sind alleine gegen die Welt. Aber du musst keine Angst haben. Ich wird nächstes Jahr 18 und dann geh ich. Und du kommst mit!´´, sagte er und legte dabei sein Arm um meine Schulter. Wohl wollte er mich ein bisschen trösten. Ich bin ihn dankbar, doch ich zweifelte sehr daran, dass Mum und Dad mich gehen lassen würden. Sie würden es noch verkraften ein Kind zu verlieren, doch zwei wär ziemlich übertrieben. Doch trotzdem fühlte ich mich zu Brian hingezogen. Wir standen uns schon immer sehr nach. Seit ich auf der Welt bin. Er half mir schon öfters aus der Patsche und probierte mich andauernd zu beschützen. Die zwei Jahre Unterschied war uns egal. Ich erinnerte mich: Als Dad in den Knast musste, waren wir ziemlich schlecht dran und hatten wenig Geld fürs Essen und für die Wohnung. Also übernachteten wir viel im Revier oder bei Freunden. Klamotten kauften wir auf Flohmärkte genauso wie Essen. Die Schule mussten wir auch kurz abbrechen, doch das Sozialamt konnte es verhindern, dass wir zu viel aus der Schule fehlten. Es waren schlimme Zeiten und so richtig wissen wir noch heute nicht, warum Dad ins Gefängnis musste, auch wenn es eine ziemlich kurze Zeit war.
,,Ist das nicht komisch?! Immer wenn es irgendwelche Probleme gibt, werden sie von Dad ausgelöst. Weißt du noch damals diesen Einbruch oder dieser Diebstahl. Dad wurde verdächtigt, weil er am Tatort gesehen wurde. Und der Grund ist wohl unwichtig, warum Dad in den Knast musste. Irgendetwas verheimlichen sie doch. Er hatte schon so viele Vorstraffungen und Sozialstunden. Was das soll, wird uns auch nicht gesagt ! Sehr komisch, nicht wahr!? ´´, regte sich Brian mit Recht auf. Alles stimmte was er sagte. Ich zuckte nur mit den Schulter. Ich war ziemlich erschrocken, als meine Mutter in der Tür stand und ihre Haare ihr ins Gesicht fielen. Die Haustür knallte und ich wusste genau, dass Dad grad das Haus verlassen hatte. Wir standen da wie gefroren. Ich sah in ihre verzweifelte Augen Tränen sammeln und sie kippte um.
Brigitte lag versorgt in ihrem Bett und schlief, so hatte sie endlich ein bisschen Ruhe. So lange gingen Brian und ich in die Küche, um uns mal zu erkundigen, wie es dort aussah. Sie sah wie ein Kriegsfeld aus. Überall lagen zerbrochene Teller und Tassen, sodass man den Boden nicht mehr sehen konnte. Wir mussten große Schritte machen, damit wir nicht auf eine Scherbe drauftraten. Die Schränke waren voll mit Spagetti und Tomatenkleckse; Die vorher eigentlich unser Mittagessen waren. Ich fühlte mich unwohl und verlassen, doch ich wusste genau, dass Brian bei mir war, doch trotzdem hatte ich das Gefühl, als wäre ich alleine. Ich fragte mich nur noch, was hier wohl passierte. Bei dieser Gedanke fuhr ein so schlimmer Schmerz durch mein Körper, dass ich gern mein Herz von seinem Platz ausgerissen hätte. Jetzt fühlte sich es nur wie ein schwarzes Loch an. Doch neben diesen Schmerz fühlte ich auch Hass. Hass auf meine Eltern. Hass auf mein Leben. Brian konnte nicht nutzlos rumstehen und auf ein Wunder warten. Er verschwand ins Wohnzimmer und griff zum Telefon. Er telefonierte den ganzen Mittag. Ich dagegen ging in mein Zimmer und setzte mich auf mein Lieblingsplatz vor dem Fenster. Dort aus sah ich auf die lange Straße. Kinder spielten glücklich unten, und genießten das Leben. Ich verstand gar nichts mehr und wollte es auch nicht. Mein Kopf war wie ein leeres Blattpapier- keine Erinnerungen oder Freude. Ich sah nach Brigitte. Ich nannte meine Mutter schon immer so, weil ich sie nie gern Mum oder Mama nennen wollte, da ich nie so eine richtige Verbindung zu ihr fand. Mittlerweile verstanden wir uns ganz gut, doch dieses fremdes Gefühl war noch vorhanden. Sie lag auf dem Bett wie eine Leiche, die aber noch komischer Weise atmen konnte. Ich fragte mich, ob ich etwas finden würde, wenn ich mich ein bisschen umsehe. Der Schrank sah ziemlich verlockend aus. Ich schob die Schranktür zur Seite. Kleider, Hosen und Pullovers kamen mir entgegen, aber hinter einer Stapel Klamotten fand ich einen kleinen Karton. Ich wollte unbedingt wissen, was sich im Inneren befand. Doch ich bemerkte schnell, dass man den Karton nur mit einen Schlüssel öffnen konnte. Ich war am Suchen, und fand es in der Schmuckkasten meiner Mutter. Der Schlüssel war bereits im Loch. Es gab kein Zurück mehr. Vorsichtig öffnete ich ihn: Rechnungen, Checks und alte Fotos hatte ich gefunden. Ich war am Aufgeben, als ich ein noch kleine Kiste ganz unten fand. Langsam aber sicher öffnete ich sie. Mein Gesicht verblasste. Mein Atem wurde schwer. Verschiede Spritzen und Antibiotiker befanden sich drin. Eine Pistole war auch dabei und ein Brief an uns, Brian und mir. Ich wusste nicht, wie ich das alles Brian zeigen sollte, doch das war nicht nötig, weil er direkt hinter mir stand. Sein Entsetzen konnte man ablesen. Wir wollten Brigitte nicht wecken und wir wechselten deswegen das Zimmer. Wir schauten nur auf die Sachen aus der Kiste. Mein Bruder hatte sofort die verrücktesten Vorstellung der Welt.
,,Denkst du, Mum oder Dad wollen sich killen?“ ".
Antworten konnte ich nicht. Ich fand die Idee, dass einer der beiden sich umbringen wollte, zu absurd. Brian griff nach den alten Bilder.
,,Glücklich, Lebensfroh und hoch schwanger“", zeigte er auf das Bild mit Brigitte und Dad. Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen. Es tat irgendwie gut, doch Brian wurde nur blasser. Ich schaute das Bild genauer an, so lange Brian den Brief zu sich nahm. Zwei kleine Flecken waren im Hintergrund noch zu erkennen. Die Qualität war sehr miserabel. Ich bemühte nicht noch mehr mich mit dem Bild zu beschäftigen und wandte mich zu Brian, der grad den Brief öffnen wollte. Ich lag meine Finger auf seine Hand und schüttelte den Kopf.
,,Irgendwann müssen wir es sowieso lesen."“
Ich zuckte mit den Schultern, auch wenn ich es nicht richtig fand, ließ ich seine Hand los. Er überreichte mir den Teil, den man laut vorlesen musste.
,,Liebe Brian und Ginnifer,
wenn ihr diesen Brief liest, seid bitte nicht sauer. Ich weiß, ihr seid nicht glücklich mit unsere Entscheidung, aber so ist es am Besten. Wir wissen genau, wie viele Fragen ihr habt und, dass ihr so gerne mal eine Antwort haben wollt, doch dies ist nicht möglich. Also haben wir beschlossen euch da hinzuschicken, um etwas über die Familie zu erfahren. Bitte, bitte seid nicht wütend. Seid lieber froh. Eure Eltern, Brigitte und Walther“"
Wut und Bezweiflung waren meine einzigen Gefühle. Brian zitterte.
Wir waren so beschäftig, dass wir nicht mal merkten, dass Brigitte die ganze Zeit in der Tür stand und uns hörte. Sie war still: Keiner sagte was. Es war schon unheimlich wie alle nur still auf ihrem Plätzen saßen und vor sich hinbaumelten.
,,Was-s soll das, Mum-m?"“, stotterte Brian. Seine Stimme war ängstlich und sein Gesicht war rot als wäre ihn das grad peinlich gewesen.
,,Wir wollten euch den Brief eigentlich erst später geben."“
,,Warum?“", bohrte er weiter.
,,Wie ihr wisst, haben wir zur Zeit sehr viel Stress in der Familie“", fügte sie hinzu. ,,Ja, das wissen wir. Wir sind meistens auch dabei."“, berichtete er spottig. Ich fühlte mich verletzt. Brigitte nickte und saß nur steif da. ,,Wir hatten eigentlich vor euch zu Oma und Opa zu schicken, doch Oma hatte vor einer Woche einen Herzinfakt…“ ", erklärte sie. Brian hüpfte hoch.
,,Scheiße…und geht es ihr gut?“", schrie er ins Gesicht meiner Mutter. Ich blieb ruhig, doch im Inneren tobten meine Gefühlte hin und her.
,,Ja. Sie ist wieder zu Hause. Opa kümmert sich um sie. Doch ich mach mir Sorgen. Ihr wärt wahrscheinlich zu viel Last für sie. Sie ist auch nicht mehr die Jüngste, wisst ihr ?! Also habe ich mich mit eurem Vater unterhalten, und meinte euch wo anders hinzuschicken ", gab sie bekannt. Brian setzte sich inzwischen wieder.
,,Wo anders? Das soll heißen?"“, fragte er nach.
,,Wir wollten euch nach Arnis schicken. Da wohnt eure Tante Maggie. Sie ist die Schwester euers Vaters. Und es bedeutet ihn sehr viel, dass ihr einen Sommer mit ihr verbringt. Sie ist nämlich sehr einsam" “, beendete sie.
Es wurde still. Mein Bruder blickte nachdenklich in die Luft. Ich war sauer. Ich wollte unbedingt nach Wilhelmshafen ans Nordsee. Dieses Jahr sollten all meine Freunde mitkommen. Ich huschte an meiner Mutter vorbei lautlos in mein Zimmer. Ich wollte das Ganze einfach nicht glauben. Ich fühlte mich grausam.
Ich war schon seit Stunden in meinem Zimmer. Ich wollte einfach keinen sehen. Ich dachte nur noch nach, was als nächstes noch kommen könnte, doch die Gedanken, die ich hatte, waren schlimmer als die Realität. Brian klopfte an meiner Tür. Ich hatte eigentlich keine Lust auf ihm, aber er hatte wohl etwas Wichtiges zu berichten. Er stellte sich vor mich. Ich saß auf der Bettkante. Die Beine angewinkelt und meine Arme um sie gelegt. ,,Ich weiß, dass du jetzt wohl keinen Bock hast hier die Blätter anzusehen, aber ich bestehe darauf,"“ bat er mich, aber trotzdem hörte man diesen Befehlston in seiner Stimme. Er überreichte mir die Blätter und verschwand wieder. Da hatte er wohl recht: Ich hatte echt keinen Bock. Ich warf die Blätter in die Ecke und verkroch mich unter die Bettdecke. Ich überlegte mir, wer diese Tante Maggie wirklich war. Warum hatten unsere Eltern die noch nie erwähnt? Wir wussten nicht mal, dass Dad Verwandte hatte. Seine Eltern starben als er 12 war und Großeltern hatte er längst nicht mehr. Er war auf sich gestellt oder auch nicht, wenn diese Maggie doch da war. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich überzeugte mich doch noch die Blätter anzusehen. Informationen über Arnis gab es eine ganze Menge. Es lag ziemlich in Norden, aber noch in Deutschland. Die Fahrt dauerte vier Stunden von Magdeburg bis dahin. Ich suchte weiter nach Informationen, doch diesmal nach Tante Maggie. Leider ohne Erfolg. Ich fand das seltsam. Ich fühlte mich wieder leer und verlassen. Durstig war ich auch. Doch ich wollte nicht in die Küche und auf Brigitte stoßen. Mittlerweile wurde es dunkel draußen und die Straßenlichter erblickten. Die Straßen von Magdeburg waren leer geräumt. Es war still. Ich wagte mich dann doch noch in die Küche. Zum Glück war keiner da. Wahrscheinlich waren sie alle schon schlafen. Ich ließ ein Glas voll mit Leitungswasser laufen. Das tat ich dreimal hintereinander. Plötzlich ging das Licht an, sodass ich das Glas fallen ließ vor Schreck. Ich wollte nicht wissen, wer hinter mir stand. Doch diese Schritte erkennte ich überall. Er schlenderte langsam zur Tisch. Er sah schlimm aus und roch stark nach Alkohol. Er setzte sich ohne Beachtung zu schenken hin. Das fand ich gut, weil ich so lange die Scherben aufheben konnte und sie wegschmeißen. Ich wollte grad die Küche verlassen als er nach mir rief. Ich hatte Angst noch etwas Neues zu erfahren. Er bat mich zu setzen. Ich sah zur Küchenuhr hoch: Es war kurz vor Mitternacht. ,,Also, ihr weiß schon bescheid?"“, erkundigte er sich. Ich wusste genau, was er meinte. Ich nickte und mein Blick wechselte sich auf die Tasse, die vor mir stand.
,,Ich weiß, dass diese Entscheidung euch nicht ganz Recht ist, aber…“..." ,,Nein!“", brüllte ich und stand wütend auf. Der Stuhl fiel nach hinten um. Mein Vater hingegen blieb ruhig und beachtete das Geschehen überhaupt nicht. Seine Gedanken waren wo anders. Es fiel mir schwer mich wieder zu setzen, doch ich tat es. Es wurde wieder ganz still.
,,Wie geht es Brian? Das mit heute Morgen tut mir leid, doch ich verlor die Kontrolle"“, entschuldigte er sich. Ich schätzte das sehr, aber ich wusste, dass Brian nichts davon halten würden. Mir fiel ein, dass ich gerne mehr über Tante Maggie erfahren wollte. Das war aber nicht alles. Ich erinnerte mich an die Spritzen und Antibiotiker. Am meisten aber an die Pistole. Dennoch wollte ich nicht drängeln und fragte deswegen nur nach Tante Maggie. ,,Dad, diese Tante Maggie, wer ist das?“", probierte ich so seine Aufmerksamkeit zu erregen, doch er blieb stur. ,,Ich muss wohl im Wohnzimmer schlafen nach dem Vorfall von heute Morgen. Was denkst du?“", lenkte er vom Thema ab. Ich wurde langsam wütend und ungeduldig.
,,Wer ist Tante Maggie?"“, wiederholte ich mich.
,,Na ja, wenn ich doch oben schlafe, dann schmeißt sie mich morgen wieder raus. Du weißt ja, wie sie ist“", lachte er. Ich fand das überhaupt nicht witzig und zog ein ernstes Gesicht.
,,Wer ist Tante Maggie?"“, fragte ich zum Dritten Male. Ich betonte sogar Maggie, damit er es wirklich gut verstand. Doch ich bekam keine Antwort. Unterdessen stand er auf und ging hastig ins Wohnzimmer. Ich gab auf und lief wütend in mein Zimmer ohne Bescheid zu sagen. Das war aber wohl nicht so schlimm, weil er schon nach einer Weile in meinem Zimmer stand.
,,Ich-h wollte-te nur-r.."…“,murmelte er vor sich hin ohne in meine Augen zu blicken. ,,Ich kann das nicht, Ginny. Ich sehe euch an und weiß wie genau, dass es an der Zeit wär alle Karten aufzudecken, aber so einfach ist das nicht. Aber es heißt nicht, dass du nichts erfahren darfst. Nur eben nicht von mir. Ich hab nur dieses Foto von ihr. Vielleicht..“", seufzte er und lächelte das Foto an. Seine Augen füllten sich mit Tränen und ich fühlte mich schuldig. Ich hatte eine viel bessere Beziehung zu ihm als zu Brigitte. Das war schon immer so. Als ich kleiner war, passte er immer auf mich auf. Wo Brigitte sich aufhielt, war immer unbekannt. Er ließ das Bild in mein Schoß fallen, streichelte mir über den Kopf und ging hinaus. Ich betrachtete das Foto. Eine um die 40-jährige alte Frau war neben meinem Vater zu sehen. Sie hatte lange braune Haare so wie ich, nur meine waren glatt. Sie hatte auch große, blaue Augen und ihre Wimpern reichten bis zu ihren Augenbrauen. Ihr Mund war ein typisches Schmollmund und sie hatte eine kleine Nase mit voller Sommersprossen. Sie war ziemlich groß und schlank. Sie trug ein langes Kleid mit Blumen drauf. Es sah ein bisschen altmodisch aus, aber es passte perfekt zu ihr. Genau wie die kleine Handtasche in der rechten Hand. Sie lächelte. Mein Vater hingegen war klein daneben und hatte schwarze Haare wie Kohle. Er trug nur einen Jeans und ein T-Shirt. Ich drehte das Foto um. Es war aus dem Jahr 1999. Es war seitdem schon 11 Jahre vergangen. Wenn dieser der letzte Treffen war, dann verstanden sie sich wohl nicht mehr so gut. Ich lag das Foto unter mein Kissen. Meine Tante Maggie ähnelte mir sehr, doch ich hatte keine Zeit nachzudenken. Morgen war der letzte Schultag und ich musste mich ausruhen.
Die Sonne schien durch das offene Fenster auf mein Bett. Ich wälzte mich eine kurze Zeit lang. Ich lag auf dem Bauch und starrte das Geschehen draußen an. Vögel flogen vorbei und die Sonne blendete mich zwar, aber ich genoss sie. Mein Wecker klingelte und ich drückte das nervende Geräusch weg. Es war Zeit zum Aufstehen, doch ich weigerte mich. Keiner konnte mich zwingen, doch im Endeffekt entschloss ich mich doch. Das Badezimmer lag genau gegenüber von meinem Zimmer, sodass ich nicht viel zu gehen hatte. Ich schloss die Tür hinter mir und hoffte auf keinen Besuch. Mein Gesicht war ziemlich blass und meine Klamotten stanken. Ich zog mich ganz schnell aus und neue Klamotten wieder an. Leise putzte ich meine Zähne um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Meine Haare ließ ich ins Gesicht fallen. Als ich fertig war, klopfte es an der Tür. Ich wollte auf keinen treffen, also beschloss ich nicht zu antworten und wartete bis die Person ging. Doch sie blieb und klopfte immer wieder. ,,Ginny, mach bitte auf. Ich muss mich auch noch fertig machen“," tönte die Stimme meines Bruders durch. Ich atmete skeptisch, schloss aber auf und lief hastig in mein Zimmer ohne Brian zu beachten, der sofort ins Badezimmer stürmte. Ich packte meine Sachen und verließ das Haus ohne mich zu verabschieden. Das Wetter war angenehm warm. Ich bewegte mich zur Bushaltestelle, doch der Bus fuhr an mir vorbei. Ich ärgerte mich zwar eine kurze Zeit lang, doch ich ging dann einfach zur Fuß. Vor der Schule wartete schon meine Freundin. Sie kam mir entgegen und umarmte mich. Ich konnte die Umarmung nicht erwidern, doch sie merkte nichts. Wir betraten den Schulhof, schlenderten in die Schule und gingen den Flur entlang. ,,Also, erstens haben wir beschlossen, dass das der beste Sommer unsers Leben wird. Zweitens alle kommen mit. Du doch auch? Ach, stimmt. Du bist sowieso bei deinen Großeltern. Das wird so klasse!"“, jubelte sie ohne meine traurige Miene zu beachten. Ich wollte grad ihr die traurige Nachricht überbringen, doch sie hatte keine Zeit für mich, weil sie mit sich zu beschäftigt war. Ein Augenblick dachte ich den richtigen Moment gefunden zu haben, doch dann düste sie zu unsere Clique los, sodass ich sie aus dem Augen verlor. Ich folgte ihr. Ich hörte wie sie sich über die Ferien unterhielten und wie toll alles sein würde. Ich tauchte in meine eigene Welt ein ohne bemerkt zu haben, dass jemand eine Hand um meine Schultern legte. Es war Peter. ,,Hey, Sunshine, wie geht’s denn heute?“", grinste er mich an. Ich zuckte. Sein Gesicht wurden todernst.
,,Ist alles klar? Du siehst ziemlich blass aus“," besorgt lag er seine Hand auf meine Stirn, ,,also, Fieber hast du nicht.“"
,,Es ist nichts“, täuschte ich ein Lächeln vor.
,,Dann ist ja alles gut. Freust du dich schon auf die Ferien? Die werden dieses Jahr richtig…“..."
Ich unterbrach ihm, indem ich davon lief. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich rannte auf die Toilette, da versteckte ich mich in einer der Kabinen mit der Hoffnung, dass mich keiner finden würde. Diese Hoffnung verlor schnell am Wert als Samantha nach mir suchte. Mir kamen die Tränen. Ich wollte nur noch heulen. Mein Heulen war nicht zu überhören, sie riss die Tür auf und kniete sich
,,Was ist los? Haben wir was Falsches gesagt?“", wollte sie wissen. Sie gab mir ein Taschentuch. Ich blieb still und lehnte mich an die Wand. Sie verdrehte ihre Augen.
,,Ich kann nicht“," flüsterte ich ihr zu.
,,Was kannst du nicht?“", fragte sie. Ich guckte sie ernst an, damit ihr vielleicht einfiel, was ich meinte, doch sie brauchte ein bisschen bis sie es verstand hatte.
,,Aso, warum das denn? Deine Großeltern leben doch da?“"
,,Meine bescheuerten Eltern schicken mich aber wo anders hin“", meckerte ich.
,,Wo anders? Was willst du denn da?“" ,,Ich hab in Arnis eine Tante, aber genauer gesagt, weiß ich selber nicht, was ich dort will. Verdammt."“, fluchte ich.
,,Arnis? Wo ist das denn?“", wunderte sich Sam.
,,Irgendwo am Arsch der Welt!“", vermutete ich. Ich wusch meine Tränen weg.
,,Deswegen musst du doch nicht weinen. Wenn es nicht geht, dann halt nicht. Wir verstehen das schon. Du hast grad große Probleme in der Familie. Es ist selbstverständig.“", tröstete sie mich. Ich lehnte mich auf das Waschbecken. Ich fühlte wie meine Muskeln sich anspannen. Ich guckte hoch in den Spiegel, dabei seufzte ich öfters. Ich wusste genau, dass sie es verstanden würden, doch es tat so weh über meine Eltern zu reden. Die Tränen kehrten zurück. Samantha umarmte mich und streichelte mir über den Kopf. ,,Ist schon gut. Das hast du nicht verdient.“"
Ich nickte, weil ich wusste, dass sie Recht hatte. Danach richten wir meine Haare wieder.
Wir gingen in die Klasse. Alle starrten uns an oder genauer gesagt, starrten sie mich an.
,,Ihr kennt die Uhr ziemlich gut, denk ich mal."“, schimpfte Frau Haltgel. Wir entschuldigten uns und suchten unsere Plätze. Frau Haltgel diktierte uns die Aufgabe und ich beruhigte mich wieder. Nach der Schulstunde kam Peter zu mir.
,,Und? Geht es dir wieder gut? Ich entschuldigte mich, falls ich etwas Falsches sagte“", entschuldigte er sich. Ich nickte. Er legte wieder sein Lächeln auf.
,,Was wär mit Pizza nach der Schule?"“, richtete er sich an die anderen. Alle nickten. Dann sah er mich an.
,,Du auch?“", fragte er. Samantha lag ihren Arm um meine Schultern und drückte mich fest an ihren Körper.
,,Ja, sie auch."“, antwortete sie statt mir. Die Clique ging schon vor. Ich zog Sam noch zu meiner Seite.
,,Was sollte das? Eigentlich hab ich"…“, flüsterte ich ihr zu.
,,Nein, Ginny! Du musst von zu Hause raus. Du kommst mit und hast Spaß. Und ich erlaube keine Wiederrede. Hörst du, Fräulein?!“", unterbrach sie mich. Ich zögerte, doch nickte am Ende. Sie lächelte mich an. Und wir folgten den Anderen. Sie hatte Recht, dachte ich mir die ganze Zeit. Ich musste raus. Und das war vielleicht der Grund, weshalb sie uns so weit schickten. Sie brauchten Ruhe und wir genauso.
5.
Ich war wieder zu Hause. Brian zerrte mich in mein Zimmer. Er schubste mich auf mein Bett und er lehnte sich an die Wand. Ich beobachtete ihn fragend.
,,Sturmfrei!"“, grinste er. Er riss meine Schranktür auf. Ich stand auf und ging auf ihn zu.
,,Was hast du vor?"“, unterbrach ich ihn beim Packen.
,,Na, wir hauen an!"“, sagte er entschlossen und begann wieder zu packen.
,,Nein! Wohin willst du gehen? Auf die Straße wie die Penner?"“,kreischte ich. Er blickte hoch und sah mich an. Er ließ die Tasche fallen und setzte sich auf dem Boden.
,,Da hast du Recht, aber ich hab einen Kumpel. Der hat gemeint…...Nein, ich kann ihn das nicht antun. Ich schulde ihn sowieso schon so viel“", sah er ein. Ich setzte mich neben ihm auf dem Boden. Er starrte die Wand gegenüber an.
,,Aber mal ehrlich, was wollen wir schon in Arnis? Sie wollen uns doch nur los werden. Wahrscheinlich, gibt es diese Tante gar nicht. Sie ist sicher nur eine Babysitterin."“, meinte er.
,,Aber denkt doch mal nach. Wenn sie uns los werden wollen, dann haben wir sie doch automatisch auch los. Sehe ich das richtig?“",erwiderte ich. Er lachte.
,,Stimmt. Mir ist übel."“
Er stand auf und verließ das Zimmer. Ich blieb ein Weile noch auf dem Boden. Ich bekam aber schnell hunger und eilte den Flur entlang in die Küche. Ich sah Brien wie er seine Jacke und Schuhe anzog. ,,Ich muss kurz weg. Ich komme gleich, aber nutze so lange aus, dass Mum und Dad nicht zu Hause sind“, lächelte er. Ich fand die Idee toll. Er verließ die Wohnung und ich sauste in die Küche. Der Toast tat gut und linderte meinen Hunger. Ich ließ mich auf die Couch fallen und dachte nach. Ich würde all meine Freunde vermissen. Dieser Sommer sollte doch der beste sein. Plötzlich kamen mir die Tränen. Doch ich drückte meine Augen zu. Ich spürte wie mein Körper schwer wurde und ich langsam einschlief.
Das Schlafen tat so gut. Ich fühlte mich befreit. Ich wurde aber schnell geweckt als die Haustür laut knallte. Brigitte stürmte ins Wohnzimmer. Mein Vater hinterher.
,,Los, geh packen!"“,befiehl sie mir und zerrte mich hoch. Ich blickte nicht mehr durch. Ich wollte einfach nur weglaufen, fliehen, doch ich konnte nicht, weil Brigitte fest meinen Arm mit ihren Händen umzingelt hatte.
,,Lass sie jetzt sofort los!"“, brüllte mein Vater. Schmerz. ,,Nein, sie verlassen noch heute das Haus."“, lärmte sie. Brian betritt das Zimmer ebenfalls. Erleichterung kam hoch.
,,Was soll das? Lass Ginny los, Mum!"“, brüllte er wie am Spieß. Sein Kopf war rot und er war außer Atem. Er zog mich aus dem Griff meiner Mutter. Ich atmete hoch.
,,Los, geh in dein Zimmer! Ich komme gleich."“, flüsterte er. Ich marschietre weg ohne zurück zu blicken.
,,Bleib hier, Ginny"“, schrie meine Mutter mir hinterher. Nein, danke, dachte ich. Ich knallte die Tür hinter mir zu. Ich ging hin und her. Ich konnte nicht ruhig sitzen und den Geschreien zu hören. Ich musste etwas unternehmen. Hass und Wut waren jetzt so groß. Ich warf mein Kissen wütend in die Ecke. Es reichte mir. Ich griff nach meine Tasche und stopfte alles rein, was ich fand. Ich drehte mich um und da stand er. Er war blass und wütend. Er nickte. ,,Gute Idee"“, zeigte er auf die Tasche, ,,doch denkst du nicht, dass ein Koffer besser wäre?"“.
Ich nickte. Es dauerte nicht lange und schon war er wieder da. Er legte den Koffer auf dem Boden, lächelte kurz und ging. Es kam nicht grad überzeugend rüber, doch ich packte meine Sachen. Ich saß auf dem Boden. Neben mir lag mein Koffer. Ich sag mich im Zimmer um. Ich war unsicher und verzweifelt. War das wirklich eine gute Idee. Ich bemerkte nicht, dass Brigitte sich neben mich hockte. Sie schaute sich auch im Zimmer um.
,,Es sind nur ein paar Wochen. Du wirst dein Zimmer wieder sehen."“, versprach sie mir.
,,Was ist mit der Schule? Wir hätten noch ein paar Tage."“, erkundigte ich mich.
,,Dann habt ihr halt früher Schluss. Und jetzt sag nicht, dass das schlimm wär."“, lächelte sie. Ich lächelte nicht. Ich knetete meine Hände. Sie stand auf.
,,So wird es am Besten sein. Ich kann nicht mehr und ich weiß auch genau, dass ihr auch nicht könnt“", vermutete sie.
,,Ihr werdet eure Probleme doch solange regeln?"“, fragte mich mit der Hoffnung nach dem Ferien würde alles wieder gut sein, obwohl es noch nie gut war.
,,Lass nie die Probleme sich anhaufen, sonst endest du wie wir."“, seufzte sie. Das war wohl ein Rat fürs Leben. Brian kam wieder. Er wollte schon den Koffer zum Auto bringen. Ich half ihm. Dad war nicht anwesend. Ich sah mich um, doch er war nirgendswo. Ich war enttäuscht. In der Tür zog mich Brian nur kurz zurück. ,,Mum wartet draußen. Ich sollte dir den Brief geben. Es tut
ihn Leid. Ich halte nichts von seiner Ausreden, aber du schon."“, meinte er und zuckte leicht mit den Schultern. Er drückte einen Briefumschlag in meine Hand und grinste. Ich nickte langsam. Ich steckte den Brief in meine Tasche und mein Handy in die Hosentasche. Wir verließen zusammen das Haus. Draußen wartete schon ein Taxi auf uns. ,,Du fährst uns nicht?“",wunderte ich mich.
,,Wir fahren mit dem Zug, Ginny.“", antwortete Brian statt meiner Mutter. Sie lächelte nur. Man sah ihr an wie sie ihre Tränen wegdrückte. Sie sammelte sich wieder.
,,Tut mir Leid. Das Auto ist defekt. Ich hätte tanken sollen. Na ja, so ist es sowieso viel besser. Seid gut zu eurer Tante. Sie ist nicht mehr die Jüngste."“, verabschiedete sie sich. Wir nickten. Ich hatte jetzt nicht den Magen, um mich zu verabschieden. Wir stiegen in den Taxi und fuhren langsam los. Ich sah aus den Augenwinkelt das Hochhaus und davor meine Mutter. Sie war am Weinen. Ich war erleichtern, aber auch wütend und enttäuscht. Ich hasste mich, weil ich mich nicht von meinen Freunden verabschieden konnte. Brian saß auf dem Beifahrersitz. Er drehte sich um.
,,Du kannst sie jeder Zeit anrufen“", tröstete er mich, doch es half nicht. Ich fühlte mich schlecht.
Der Zug war ziemlich leer. Ich ging unmotiviert durch den Flur. Wir suchten uns eine Kabine und fanden schnell eine. Sie war im hinteren Waggon. Ich setzte mich auf die Fensterseite und Brian auf die Türseite gegenüber. Ich war aufgeregt. lch fühlte mich noch nicht bereit auf etwas Neues, doch ich versuchte es. Mein ganzer Körper zitterte und es fiel mir schwer richtig zu atmen. Der Zug rollte langsam los. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und schaute auf den Display. Gar nichts. Ich hatte im Auto versucht Samantha anzurufen, doch sie nahm nicht an. Die Anderen genauso. ,,Die melden sich noch“", ermutigte er mich. Er hatte es leicht. Seine Kumpeln hatten sich sofort gemeldet. Es war still. Keiner sagte etwas.
,,Hm. Ich besuch mal die Toilette"“, sagte Brian. Er verließ die Kabine und ich hoffte, dass er sich beeilen würde. Ich schaute nach draußen in die Freie. Es wurde immer dunkler. Mein Handy zeigte zwanzig nach sechs. Keine anwesende Anrufe. Ich war sauer. Plötzlich klopfte jemand an der Kabinentür. Es war ein Junge. Er war um die 16 Jahre und hatte dunkelblonde Haare. Er schob die Tür zur Seite.
,,Hey, ich heiße Pierre. Na ja, eigentlich heiße ich Sean-Pierre, aber Pierre ist besser."“, grinste er. Seine Mundwinkelt gingen vom Ohr zum Ohr. Es sah beängstigend aus, doch ich lächelte einfach zurück. Mein Blick wendete sich wieder nach draußen. Doch der Junge wollte nicht gehen und setzte sich direkt vor mich.
Ich tat so als würde mich das nicht stören, doch er nervte. ,,Und du bist wer?"“, fragte er.
,,Ich bin Ginny. Eigentlich Ginnifer, aber Ginny ist besser“", grinste ich sarkastisch.
,,Verstehe. Du bist wohl nicht grad gesprächig, also lasse ich dich in Ruhe."“, gab er nach ohne mehr erfahren zu wollen. Eine Zeit lang saßen wir nur still da. Sein Blick durchlöcherte mein Körper. Ich hasste es. ,, Ich komme aus Frankreich. Meine Eltern haben sich vor zwei Jahren geschieden und mein Vater wohnt in seitdem in Arnis. Er ist Deutscher."“, erzählte er. Ich fing mich an doch zu interessieren. ,,War das schwer für dich?“", erkundigte ich mich. Er schüttelte den Kopf.
,,Es ist viel besser so. Sie haben sich nicht mehr so gut verstanden. Die Liebe war nicht mehr da. Weißt schon, sie haben nur noch gestritten und uns zur Liebe ließen sie sich scheiden."“, seufzte er. Ich fragte mich, ob es uns alle auch besser gehen würde, wenn sich unsere Eltern scheiden ließen, doch ich wusste, dass dies nicht in Frage kommen konnte. Dad und Mum liebten sich. Würde ich mal sagen. ,,Was machst du in Arnis? Ich meine, so ein Mädchen wie du will doch nicht den ganzen Sommer in einer Stadt wie Arnis verbringen. Oder?"“, bohrte er.
,,Da hast du wohl Recht, aber ich werde gezwungen."“, stöhnte ich. Er grinste kurz, doch dann bemerkte er Brian, der grad die Tür schloss. Er guckte fragend zu mir rüber. Ich zuckte mit den Schultern. Pierre hingegen stellte sich und streckte die Hand aus wie ein braver Junge. ,,Hallo, ich bin Sean-Pierre Masson. Ich meine Pierre. Wer bist du?“", begrüßte er Brian. Brian zog ein Augenbraun hoch und grinste, doch er hatte sich nicht lustig gemacht über ihm. Er hat sich sogar ziemlich gefreut, dass noch ein Junge da war. ,,Ich bin Brian Madcom. Ich bin der Bruder von Ginny."“, plapperte er vor sich hin. Pierre sah erleichtert aus. Hatte er wirklich gedacht, Brian wär mehr als nur ein Bruder? Bei den Gedanken wurde mir schlecht und schüttelte den Kopf. Er lachte. Sie setzen sich. Es war still. Plötzlich sprang Pierre auf und zeigte auf die Tür, die sich grad öffnete. ,,Das ist meine Schwester, Mia.“", freute er sich. Mia nickte jeden zu. Brian guckte sie neugierig an. Sie war hübsch. Sie hatte lange blonde, gelockte Haare, ein schmales Gesicht und große Augen, die mich anstarrten. Brian wollte nicht unhöflich sein und stellte sich. ,,Ich bin Brian. Das ist meine Schwester, Ginny. Setzt dich doch.“", er zeigte auf dem Platz neben mir.
,,Gerne."“
Ihre Stimme war zart und leise. Brian konnte die Augen nicht von ihr lassen. So war er schon immer. Er verknallte sich sofort in die nächst Beste. Er wurde langsam auffällig und ich tritt gegen sein Schienbein. ,,Ahh, bist du verrückt."“, schrie er. Mia kicherte. Pierre und ich konnten uns nicht zurückhalten und lachten laut.
,,Haha, wie witzig. Verzeih meiner Schwester. Sie ist ziemlich unhöflich"“, grinste er und warf mir dabei böse Blicke zu. Ich starrte wieder nach draußen.
Es war schon ganz dunkel. Ich sah immer wieder aus den Augenwinkeln wie Pierre mich anguckte oder manchmal zu Mia rüber blickte, die sich jetzt mit Brian amüsierte. Ich war wütend, denn er fand immer neue Freunde. Doch ich beschäftigte mich nicht weiter mit den Beiden oder mit Pierre. Ich dachte an meine Eltern. Was sie grad wohl machten? Dad war sicher in der Kneipe oder bei Freunden. Brigitte machte sich sicher Sorgen, ob wir auch heil ankommen werden, doch ich hatte nicht vor sie anzurufen. Es konnte auch sein, dass sie bei Margarete war. Margarete war eine gute Freundin der Familie. Früher hatten wir sie oft besucht. Sie war immer sehr nett. Ich war auch öfters mit gegangen. So lange bis sie und meine Mutter sich unterhielten und das Neuste austauschten, passte ich auf ihre vierjährige Tochter auf. Sie tat mir immer so Leid, weil ihr Freund sie einfach verlassen hatte, als er erfuhr, dass sie schwanger von ihm war. Das waren einfach Schweine, die so etwas machten. Es tat aber immer gut in Gesellschaft zu sein. Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht merkte, wie der Zug stehen blieb. Erst als Pierre mich anstieß. Ich erschreckte mich. Er entschuldigte sich leise den Kopf doch nach zur Tür gerichtet. Ich schaute fragend zu Brian rüber, doch er zuckte nur mit den Schultern, doch ich bemerkte schnell, dass dieses Zucken nicht an mich gerichtet war. Ich tat auf Beleidigt. Ich fühlte mich verlassen. Ich hörte ein paar Gestöhne und Erwachsene, die sich laut beschwerten und ihre Kabinen verließen. Ich wurde unruhig. Ich wollte wissen, was los war. Es hörte sich aber an, als wüsste es keiner. Zwei Flecken liefen draußen vorbei. Brian öffnete die Tür und ging raus. ,,Steigt jemand noch ein?“", fragte er und setzte sich wieder hin . ,,Wir haben eigentlich keine Zwischenstopps."“, antwortete Pierre. ,,Na ja, vielleicht sind es wichtige Leute. Du weißt schon, Pierre."“, grinste sie Pierre zu. Pierre lächelte zurück. Ich schaute wieder nach draußen und sah zu, wie winzige Regentropfen gegen die Scheibe schlugen. Auf Unwetter hatte ich jetzt echt keinen Bock. Doch außer mir merkte es keiner, weil alle wieder durch die Tür auf die zwei Flecken starrten, die wieder vorbei huschten. Der Zug fuhr wieder los. Alle beruhigten sich. Ich zitterte noch ein bisschen, doch es ging. Ich fragte mich, warum mein Vater den Brief Brian gab. Er hatte es genauso mir geben können. Und warum durfte Brigitte nichts davon wissen? Gibt es etwas, was sie nicht wüsste, aber Brian schon und bald erfahr ich es auch. Ich scheuchte den Gedanke aus meinen Kopf. Ich sah nach den Anderen. Pierre beschäftigte sich mit einem Block. Er schrieb etwas auf. Mia und Brian unterhielten sich. Ich beschloss zuzuhören. Ich fühlte mich wieder alleine. Nichts Neues.
Der Zug bremste langsam mit einem nervigen Geräusch. Es war elf Uhr. Keine abwesende Anrufe. Ich ärgerte mich. Man erkennte gar nichts aus dem Fenster. Es war viel zu dunkel. Brian stand gelassen auf und holte seine Tasche. Ich blieb aber ruhig und sah Pierre zu, der über seinen Block eingeschlafen war. Mittlerweile haben wir uns ganz gut angefreundet und er war ziemlich in Ordnung. Mia schubste ihn und er schrie auf. Wir mussten lachen.
,,Schlecht geträumt?"”, lachte Brian. Mia kicherte. Pierre stand auch auf und dehnte sich. Er folgte Mia nach draußen. Brian ging hinterher. Ich wartete noch ein bisschen. Ich atmete langsam ein und aus. Es gab keinen zurück mehr. Ich hatte keine Wahl. Ich musste. Ich beschloss den Anderen zu folgen, doch als ich die Kabine verließ, war keiner mehr da. Ich sah mich um. Kein Mensch. Nicht mal Brian war zu entdecken. Ich ging den Flur entlang zur Tür. Doch ich blieb bei einer der Kabinen stehen. Ich entdeckte die zwei Flecken von vorher. Doch diesmal konnte man sie klar und deutlich erkennen. Der Zugfahrer stand genervt neben dem Mann. Ein Junge saß auf einer der Sitze und sah den Boden an. Der Mann, der wohl sehr in die Diskussion verfallen war ,kämmte immer mit seiner Hände seine schwarzen Haare zurück. Seine Klamotten waren ebenfalls schwarz. Seine Hose hatte ein Riss am rechten Knie. Sein Sohn war genau das Gegenteil. Er hatte rote Haare und viele Sommersprossen. Er war ziemlich uninteressiert und blass. Die Diskussion wurde abgebrochen, als der ältere Mann mich bemerkt. Er ging ein paar Schritte vor und sah mich an. Die blauen Augen passten überhaupt nicht zu seinem Outfit. Er knallte die Tür vor meiner Nase zu. Ich blieb nur stehen und starrte gefroren die Tür an. Pierre rief nach mir und meinte mich beeilen zu müssen, weil der Zug sich wieder auf dem Weg nach Dänemark machen musste. Ich nickte und ging weiter den langen Flur entlang. Er wartete am Ende und lächelte mich an. Ich war noch bisschen unterschockt. Meine Hände waren taub, da mein Koffer so schwer war. Ich war froh Pierre wieder zu sehen. Wir gingen zusammen die Treppen runter und sprungen auf das Asphalt. Ich verlor mein mein Gleichgewicht, doch er hielt mich fest. ,,Ist alles in Ordnung?"”, fragte er. Diese Frage war mir schon so bekannt. Die hätte genauso von Samantha, Peter, Brian, Dad oder Brigitte kommen können. Jedes Mal antwortete ich das Gleiche. Warum sollte es jetzt anders sein.
,,Ja, aber ich hätte da eine Frage.”" ,meinte ich. Er nickte. ,,Dieser Mann und sein Sohn, wer sind das? Die haben sich vorgeführt wie…” ..."